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Wissenschaftliche Aufarbeitung

Staatskanzlei

Wissenschaftliche Aufarbeitung

Die wissenschaftliche Begleitung der Aufarbeitung der Leid- und Unrechtserfahrungen findet durch Prof. Dr. med. Cornelius Borck und Dr. Christof Beyer statt.

Medikamentenversuche in Psychiatrien und Heimen Schleswig-Holsteins 1949 bis 1975: Stand der Forschung und Perspektiven.

Die Auseinandersetzung mit Leid und Unrechtserfahrungen in psychiatrischen Kliniken und Heimen der Behinderteneinrichtung ist eine gesellschaftliche Herausforderung und eine wissenschaftliche Aufgabe der zeithistorischen Forschung. Sie fußt auf einer Problematisierung der Zustände in Heimen der Behindertenhilfe und psychiatrischen Kliniken, die bereits in den 1960ern einsetzte und in den 1970ern mit der Psychiatrie-Enquete die bundespolitische Ebene erreichte.

Mit dem 2009 initiierten „Runden Tisch Heimerziehung“ gelangten auch Gewalt-, Leid- und Unrechtserfahrungen von Menschen in Psychiatrien und Heimen der Behindertenhilfe abermals auf die politische Agenda. Die in der Folge 2016 errichtete „Stiftung Anerkennung und Hilfe“ richtet sich an diese Betroffenen, um ihnen eine Entschädigung für das von ihnen erfahrene Leid und Unrecht zu ermöglichen.
Parallel dazu löste eine Studie von Sylvia Wagner zu „Arzneimittelstudien an Heimkindern“ ein umfangreiches Echo in Medien und Öffentlichkeit aus. In der Folge gaben einzelne Bundesländer, psychiatrische Einrichtungen und Heime Studien zu diesem Thema der bundesdeutschen Nachkriegsgeschichte in Auftrag. Hier liegen inzwischen viele Ergebnisse vor, die den Verdacht auf unethische und ungerechtfertigte Medikamententestungen und -verabreichungen erhärten und Belege dafür liefern. Damit haben diese Studien Einblicke in die therapeutische Praxis in der bundesdeutschen Psychiatrie der Nachkriegszeit eröffnet, die zugleich auch nähere Erkenntnisse zur Mentalitätsgeschichte ermöglichen, welche im Gegensatz zu den nationalsozialistischen Medizinverbrechen und „Euthanasie“-Morden in vielen Teilen noch wenig erforscht ist.

Aufbauend auf den bereits vorliegenden Erkenntnissen zum Medikamenteneinsatz in schleswig-holsteinischen Einrichtungen aus der Studie Wagners und den folgenden Rechercheergebnissen der Medienberichterstattung hat sich das vom Ministerium für Soziales, Gesundheit, Jugend, Familien und Senioren beauftragte Forschungsprojekt „Medikamentenversuche in Psychiatrien und Heimen Schleswig-Holsteins 1949 bis 1975“ zum Ziel gesetzt, den komplexen historischen Handlungskontext aus rechtlichen Rahmenbedingungen, behördlicher Aufsichtspflicht, ärztlichem Berufsethos und institutionellem Setting zu diesem Thema näher zu untersuchen.

Mit der Erörterung dieser Fragen möchte das Projekt auch einen Beitrag zur Nachkriegsgeschichte der psychiatrischen Versorgung und zur Entwicklung der Einrichtungen für Behindertenhilfe in Schleswig-Holstein leisten. Dazu sollen im Projekt zeitgenössische Fachpublikationen, die Aktenüberlieferung der zuständigen Ministerien Schleswig-Holsteins und die Verwaltungs- sowie Patientenakten von den Landeskrankenhäusern, Universitätspsychiatrien und Heimen der Behindertenhilfe Schleswig-Holsteins ausgewertet werden. Die Forschungsarbeit wird von einem Kooperationsteam aus ausgewiesenen wissenschaftlichen Expertinnen und Experten der Zeitgeschichte, Rechtswissenschaft, Medizinethik und Psychiatrie begleitet. Darüber hinaus ist der Einbezug von Betroffenen und ihren Erfahrungen ebenso vorgesehen wie der kontinuierliche Austausch mit der schleswig-holsteinischen Anlauf- und Beratungsstelle der Stiftung Anerkennung und Hilfe.

Den "Zwischenbericht zur wissenschaftlichen Untersuchung der Praxis der Medikamentenversuche in schleswig-holsteinischen Einrichtungen der Behindertenhilfe sowie der Erwachsenen-, Kinder- und Jugendpsychiatrien in den Jahren 1949 bis 1975" der Uni Lübeck finden Sie hier.